Wochenandacht - EVKIGER

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Gerolstein-Jünkerath
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Unsere aktuelle Andacht

      
Andacht zum 2. Sonntag in der Passionszeit
- Reminiszere -
von Pfarrer Roman Hartmann
„Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“

Mit diesem Wochenspruch aus dem Römerbrief 5,8 begrüße ich Sie, liebe Leserinnen und Leser, herzlich zu dieser Andacht zum 2. Sonntag der Passionszeit. Reminiszere, „Gedenke“, der Name dieses Sonntags bezieht sich auf Psalm 25,6: „Gedenke, HEER, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Die Aufforderung zum Gedenken richtet sich also nicht an Menschen, sondern an Gott. Barmherzigkeit ist sein beständiges Kennzeichen.
 
Seit 2010 ruft die Evangelische Kirche in Deutschland am Sonntag Reminiszere Gemeinden dazu auf, für verfolgte Glaubensgeschwister zu beten und sich für sie einzusetzen. Denn in vielen Ländern der Welt werden Christen bedrängt und verfolgt. Sie dürfen ihre Religion nicht ausüben, kommen ins Gefängnis und werden umgebracht. Das gilt auch für andere Religionsgemeinschaften. Jedes Jahr wird immer ein Land, in dem Christen Verfolgung ausgesetzt sind, besonders in den Blick genommen. In diesem Jahr rückt Indien in den Fokus. In dieser Andacht werden auch wir im Fürbittengebet für die bedrängten und verfolgten Christen in der Welt beten.


Lasst uns mit Worten aus Psalm 10 sprechen:

Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.
(Psalm, 25,6)

Der Frevler rühmt sich seines Mutwillens, und der Habgierige sagt dem HERRN ab und lästert ihn. Er meint in seinem Stolze: Danach fragt Gott nicht. „Es ist kein Gott“, sind alle seine Gedanken. Steh auf, HERR! Gott, erhebe deine Hand! Vergiss die Elenden nicht, dass du Recht schaffest den Waisen und Armen, dass der Mensch nicht mehr trotze auf Erden.
(Psalm 10, 3-4.12.18)


Lasst uns beten:

Geist der Wahrheit, du allein kannst die Mächte austreiben, die die Herrschaft in der Welt an sich reißen. Gib uns einen klaren Blick, damit wir erkennen und ohne Angst benennen, was das Leben zerstört, und den Weg gehen, der zum Frieden führt, zu Christus, der unser Friede ist in Ewigkeit.

Amen


Der Predigttext steht im Buch des Propheten Jesaja, 5, 1-7:

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.


Liebe Leserinnen und Leser!

Eine Geschichte von enttäuschter Liebe ist das, was wir in dem Weinberglied vom Propheten Jesaja gehört haben. Eine Geschichte von enttäuschter Liebe oder auch ein Lied vom Schmerz Gottes. Ein Lied von der Verletzlichkeit eines enttäuschten Liebhabers, vom Leiden an der Liebe, an ihrer Vergeblichkeit und Resonanzlosigkeit.
 
Es mag damals auf dem Laubhüttenfest gewesen sein, das mit ausgelassenste Fest im ganzen Jahr, das jüdische Erntedankfest. Ein bisschen wie Oktoberfest, Musik, Tanz, lustige Einlagen.
 
Plötzlich steht der Prophet auf der Bühne und setzt an. Den Umstehenden mag er zunächst das Lachen aus den Gesichtern vertrieben haben. Denn diesen Propheten kannten sie bereits. Noch bevor Jesaja richtig begonnen hat, raunen sie sich zu: „Der schon wieder. Ist wohl hier, um uns mal wieder die Stimmung zu verderben. Mit seinen Schlechtnachrichten. Mit seinem uns ins Gewissen reden wollen. Das höre ich mir nicht mehr an. Was ich vermeintlich alles falsch mache. Wo wir uns ändern müssen. Uns geht es doch gut. Die Wirtschaft floriert. Hauptsache der Geldbeutel stimmt. Da muss man auch mal fünf gerade sein lassen. Probleme interessieren mich nicht. Was kümmert mich der Morgen. Und wenn andere unter die Räder kommen, jeder sorge für sich selbst.“
 
Und Jesaja fängt an: „Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg…“
 

Die Umstehenden, die eigentlich weiter gehen wollen, bleiben nun doch stehen. „Was ist das? Wovon redet er? Habe ich da was von seinem Freund und dessen Weinberg gehört? Das passt doch heute zu Erntedank. Weinberg finde ich interessant. Und was es da mit seinem Freund auf sich hat, möchte ich auch gerne hören. Da sind wir möglicherweise doch zu voreilig mit unserem Vorbehalt gewesen. Aber ein bisschen fröhlicher dürfte es heute zum Laubhüttenfest schon sein. Bringt keine Früchte der Weinberg. Aber wenn es nun mal so ist. Wirklich schade. Habe ich mit meinem Feld auch schon mal erlebt. Was habe ich mich damals gemüht. Den Boden gelockert, gesät, Unkraut gejätet, gegossen, so gut es ging, Tag für Tag. War einfach zu wenig Regen. Und der Boden war auch nicht der Beste. Aber hier? Vorzüglichste Bedingungen hatte der Freund doch geschaffen. 1A-Voraussetzungen, einfach nur superb! Fette Höhe, gegraben und entsteint, edle Reben hineingepflanzt, dazu auch noch einen Turm und eine Kelter. Was ist da bloß passiert? Kann doch gar nicht sein, dass da keine Früchte kommen. Irgendwie doch unrealistisch, diese Geschichte.“

Da fällt ihm ein anderer ins Wort: „Du, kennst du das Hohelied aus der Bibel nicht? Der redet hier nicht wirklich von einem Weinberg. Das ist eine Metapher. Der Weinberg hier ist ein Bild für die Liebste seines Freundes. Armer Kerl...Seine Liebste will wohl nichts oder nichts mehr von ihm wissen. Mein Bruder macht auch gerade so was durch. Was hat der nicht alles für seine Liebste getan. Auf Händen hat er sie getragen und nun ist alles vorbei. So sehr er sich auch bemüht, die kalte Schulter bekommt er von ihr gezeigt. Aber dass der Weinberg nun kahl gefressen und zertreten werden soll, das geht dann wohl doch ein wenig zu weit. Aber wütend machen kann dich das schon. Manchmal fühlst du dich da ausgenutzt und musst dich ganz schön zusammenreißen.“
 
Mitten in ihr Gespräch vertieft, hören sie da den Jesaja sagen: „Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da, war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ Mit einem Mal ist die aufgekratzte Stimmung vorbei: „Wir haben´s doch gewusst. Er kann es einfach mit seinen Katastrophennachrichten nicht lassen. Und wir selbst sollen auch noch Schuld daran sein. Der soll doch einfach mal den Mund halten, dieser Spaßverderber.“
 

Und da, liebe Gemeinde, sind wir auch schon bei uns. Oder nein: Bei Gott. Oder noch richtiger: Da, wo Gott uns betrifft. Die Geschichte von seiner Liebe zu uns und von enttäuschter Liebe, die Geschichte von seiner Freude an uns und seinem Schmerz. Vor mehr als 2500 Jahren hat Jesaja dieses Lied zu Israel gesungen, nicht damit wir mit den Finger auf Israel zeigen, das hat die Kirche in einer langen unrühmlichen Geschichte viel zu viel und viel zu lange getan, sondern weil diese Geschichte immer auch unsere Geschichte ist. Die Geschichte von Gottes Liebe zu uns und von enttäuschter Liebe, die Geschichte von seiner Freude an uns und seinem Schmerz. Gott, wie er sich mit aller erdenklichen Liebe um seinen Weinberg müht. Und immer wieder Enttäuschung erlebt.
 

Aber ist Gott da wirklich eine so klägliche Ohnmachtsgestalt? Müht sich und tut, hegt und pflegt, und dann keine Früchte? Ja und nein: Erinnern wir uns an die Geschichte vom Sündenfall, Adam und Eva! Auch da diese seltsame Hilflosigkeit Gottes. Da war etwas dazwischengetreten zwischen Gott und seinen Menschen und er kann es nicht reparieren, anscheinend. Es hat etwas damit zu tun, dass er Menschen will, die keine Roboter sind. Als eine Geschichte von Liebe hat Gott es angelegt zwischen ihm und uns. Wo Liebe ist, da ist immer etwas, das kann nur freiwillig kommen oder es hat keinen Wert. Von innen heraus kommt es; lässt sich nicht erzwingen. Wer liebt, erlebt immer ein Stück Ohnmacht.
 
Die Passionszeit steht auch für dieses Stück Ohnmacht Gottes: Lieber an denen, die er liebt, leiden, als sich mit Macht durchsetzen. So geht Jesus ans Kreuz. So gesehen ist sein schlimmes Ende das Wertvollste, was wir von Gott wissen: Da hat er damit Ernst gemacht: was die Liebe nicht schafft, das will er nicht zwingen.

„Aber sind wir wirklich so schlimm? So schlimm sind wir doch nun auch wieder nicht, oder?“ Viele reiben sich da an Glaube, Kirche Religion. Dass der Mensch immer so schlecht gemacht wird. So negativ gesehen, die Betonung auf sein Sündersein gelegt wird. Es steckt doch auch so viel Gutes in ihm. Warum wird das nicht mehr hervorgehoben?
 
Und auch das mit der Hege und Pflege, das ganze Leben ein einziger Liebesbeweis Gottes, alles bestens? Kein Wort von den Enttäuschungen, den Verletzungen, über denen Menschen misstrauisch werden. Kein Wort von den Schicksalsschlägen, über denen Menschen verbittern. Woher nimmt Jesaja das, dass er nichts davon sagt?
 

So anders als seine Mit-Israeliten. Die reden anders. Die sagen: „Du musst dein Leben schon in die Hand nehmen. Du kannst dich nicht immer nur auf Gott verlassen. Man muss seinem Glück auch schon mal nachhelfen. Wenn du deinen Vorteil nicht selber nutzt, trägt ihn dir keiner hinterher.“ Klingt vernünftig. Aber die Grenzen werden fließend. Auf einmal zieht das Grau ein, das unsere Wirklichkeit zeichnet: Nicht richtig schlecht, nicht einfach böse, aber grau. Schwarz und Weiß verschwimmen.
 
Wie das aussieht, davon singt Jesaja auch, in der nächsten Strophe seines Liedes: Immobilienspekulanten, die hemmungslos den Markt ausnutzen und die Preise hochtreiben. Die, die das nicht bezahlen können, sind nicht ihr Problem. Leute, die ihr Leben bloß noch verdaddeln, mit Suff und Zerstreuung. Verantwortungsträger, die mal eben ihre Möglichkeiten nutzen, um geeignete Gesetze für ihre Zwecke hinzukriegen. Jesaja nimmt da kein Blatt vor dem Mund. Da wird nichts schön geredet, da wird nichts verschwiegen. Nicht immer ist schwarz, was es zu beklagen gibt, es ist eben auch ganz viel grau dabei. Und Gott mag es nicht sehen. Für Jesaja endet es da. Gott bricht sein Warten ab. Jesaja verkündigt schonungslos. Etwas anderes hat Gott ihm nicht gezeigt.
 
Für uns ist es anders. Wir gehen ja in die Passionszeit, weil wir noch etwas anderes von Gott zu sehen bekommen haben. Seiner Sehnsucht nach uns hat Gott noch einmal auf eine Weise Gestalt gegeben, die hätte sich keiner ausdenken können: Aber was ist denn Jesus anderes als Gott, wie er mit seiner Sehnsucht nach uns ins Grau hineingeht, in den verwahrlosten Weinberg, hinter die Dornen, hinein ins Vertrocknete und Vergiftete, hin zu uns? Er ist einfach da. Erträgt die Verwahrlosung seiner Menschen am eigenen Leib und gibt uns Gott hinter unseren Dornen zu fühlen. Ja, macht jetzt „eine Geschichte von Liebe“, in der mehr Kraft steckt als in aller Finsternis.

Amen


Lasst uns beten und bittend für die bedrängten und verfolgten Christen in der Welt vor Gott treten:

Gott, wir sind, weil Du bist. Du gibst unserem Leben Richtung und Sinn. Du begleitest. Du bist Anfang und Ziel unseres Lebens. Du begabst eine jede und einen jeden von uns, einzigartig hast Du uns gemacht. Wir bitten Dich, hilf uns, dass wir unser Leben als wertvolles Geschenk erkennen und behutsam mit dem, was Du uns anvertraut hast, umgehen. Öffne unsere Augen und unsere Herzen, dass wir Dich auch im Anderen wahrnehmen und uns erfreuen an der Vielfalt Deiner Schöpfung, an der Vielzahl Deiner geliebten Menschenkinder. Gott, in Dir sind wir geborgen. Du bietest Sicherheit und Schutz. Du richtest auf. Du befreist uns aus unseren Gefängnissen. Du eröffnest Perspektiven und Räume, schenkst Hoffnung und Zuversicht. Stellvertretend für alle, die um ihres Glaubens willen leiden, denken wir heute an unsere Geschwister in Indien. Wir bitten Dich, sei bei ihnen, wenn sie angefeindet werden, wenn sie Ausgrenzung, Benachteiligung, Verfolgung erleben. Lass sie Deine Gegenwart spüren, Deinen Beistand erfahren und berge sie in Deiner grenzenlosen Liebe.
 
(Lars Dedekind, Fürbitte für bedrängte und verfolgte Christen, Sonntag Reminiszere, 28. Februar 2021. Im Fokus: Indien)

Mit den Worten deines Sohnes Jesus Christus beten wir gemeinsam:
 
 

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen


Mit Gottes Segen lasst uns in die kommende Woche gehen:

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Amen

Eine gute kommende Woche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Roman Hartmann
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